Eine Flut von Mitgefühl

Als meine Mutter an Krebs erkrankt war, sagte Sri Chinmoy, wenn ich sie das nächste Mal besuche, solle ich Fotos mitnehmen, auf denen ich mit ihm zu sehen sei. Einige Male kam sie aus ihrer völligen Unbewusstheit heraus und reagierte auf die Bilder, dann verlor sie wieder das Bewusstsein. Es schien, dass sie Sri Chinmoys Anwesenheit auch durch die Ärzte und Schwestern wahrnahm.

An meinem Geburtstag waren wir gerade in Venezuela auf dem Christmas-Trip, eine Reise, die Sri Chinmoy jedes Jahr um die Weihnnachtszeit gemeinsam mit seinen Schülern unternimmt. Dort rief mich mein Vater an, um mir mitzuteilen, dass meine Mutter verstorben sei. Nachdem Sri Chinmoy die Nachricht erhalten hatte, rief er mich in sein Zimmer. Sobald ich ihn sah, brach ich in Tränen aus.

Er sagte: “Weine nicht! Ich bin deine Mutter, ich bin dein Vater!” Ich sagte: “Guru, ich weine nicht wegen meiner Mutter, ich weine wegen deinem Mitgefühl.” Allein Sri Chinmoys Anwesenheit war wie eine Flut von Mitgefühl. Es war völlig überwältigend. Sri Chinmoy sagte mir, dass ich nicht zur Beerdigung zurückgehen sollte, ich würde dort nur weinen. Es war mir bewusst, dass er auf der spirituellen Ebene alles für meine Mutter tun würde, doch ich hatte die Befürchtung, dass mein Vater und meine Brüder mich sicherlich schimpfen und kritisieren würden, wenn ich nicht bei der Beerdigung anwesend wäre. Überraschenderweise war das nicht der Fall. Sehr behutsam sagte mein Vater: “Wir bitten dich nicht, dass du zurückkommst.” Doch ich hegte die Vermutung, dass eine verspätete Reaktion folgen würde; möglicherweise würden sie bei meiner Rückkehr nach New York mit mir schimpfen – doch ich wurde nicht im Geringsten kritisiert. Nichts ahnend hatten sie Sri Chinmoys göttliche Weisheit vollständig angenommen.

Einige Tage nach dem Tod meiner Mutter meditierten wir auf der breiten Veranda des Hotels. Sri Chinmoy schaute in den weiten blauen Himmel empor und sah dort einen einzelnen Vogel fliegen. Er sagte zu mir: “Das ist die Seele deiner Mutter. Der Käfig ist zerschmettert.” Monate später, als ich über all die Höhen und Tiefen sinnierte, die dem Tod meiner Mutter voraus gingen, dämmerte es mir, dass es ihr wahrscheinlich bestimmt gewesen wäre, früher zu sterben, doch dass Sri Chinmoy ihren Abschied so hinausgezögert hatte, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht in New York war. Sri Chinmoy sagte, es war bedeutsam, dass sie an dem Tag verschieden ist, an dem sie mich in die Welt gebracht hatte. Aus dem, was normalerweise eine tragische emotionale menschliche Erfahrung tragisch gewesen wäre, schuf Sri Chinmoy eine äußerst seelenvolle und bedeutungsvolle Erfahrung in meinem spirituellen Leben.

-Nemi Fredner, New York

 
This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Comments are closed.