Demut und Hingabe ersetzten Zweifel

Ich hatte das enorme Glück, Sri Chinmoy, meinen spirituellen Meister, schon innerhalb des ersten halben Jahres meiner Schülerschaft zwei Mal persönlich in Europa treffen zu können. Beide Male wurden mir besondere und sehr aufregende innere Erfahrungen zuteil, die mich zu der Annahme verleiteten, dass die Gottverwirklichung zum Greifen nahe sein könnte und vielleicht gleich hinter der nächsten Ecke auf mich wartete. Heute, 19 Jahre später, scheint die Erleuchtung weiter entfernt, viel, viel weiter entfernt zu sein und sie versteckt sich sehr konsequent vor mir. Mir ist jetzt klar: Bis die Erleuchtung eintritt benötigt es einfach viel Zeit. Offen gestanden hatte ich nie mehr solche Erfahrungen jenseits von Raum und Zeit, wie sie mir ganz am Anfang geschenkt wurden, obwohl ich mich immer wieder sehr darum bemühte. Es scheint, dass mein Meister damals das Gefühl oder sollte ich sagen, Verständnis dafür hatte, dass jemand, der wie ich aus der Hippy-Bewegung kam, etwas drastischere Erfahrungen benötigte, um eine Kurskorrektur vornehmen zu können, bzw. sich mit Haut und Seele dem spirituellen Weg hingeben zu wollen – schließlich war ich an drastische Erfahrungen – wenn auch aufgrund unlauterer Mittel – schon gewohnt 

Jedenfalls flog ich schon nach einem halben Jahr meines Schülerdaseins mit dem Ziel zu Sri Chinmoy nach New York, der Gottverwirklichung noch einmal ein wesentliches Stück näher zu kommen und meine Entschlossenheit und mein Eifer waren so groß, dass man bei mir eine Ausnahme machte; eigentlich durfte man damals frühestens nach einem Jahr diese Reise unternehmen – und das hatte seine Gründe, wie ich sehr schnell erkennen musste. Es war der erste oder zweite Tag in New York und trotz meines ursprünglich überschießenden Enthusiasmus fand ich mich plötzlich in den tiefsten Tiefen grenzenlosen Zweifels wieder und die damals eindringlichen Warnungen von Seiten meiner Eltern, die heute Sri Chinmoys Meditationsweg positiv gegenüberstehen, schienen sich nun mehr als zu bestätigen. Auf einmal kam mir dort alles völlig lächerlich vor. Wie konnten die Sucher dort voller Erwartung bei dem im Sessel sitzenden Menschen vorbeigehen. Mir erschien alles plötzlich sinnlos. Ich konnte damals einfach nicht den menschlichen Aspekt des Yogis mit dem göttlichen Aspekt vereinen. Ich sah dort im Meister einfach nur mehr den Menschen… Heute weiß ich wohl, dass die Schüler nach solchen sogenannten “Walking-Meditations” ausgelassen, fröhlich und völlig unbeschwert zu sein pflegen, haben sie doch all ihren inneren Ballast dem Meister gegeben, und der Meister badete dann aufgrund seiner Liebe für seine Schüler mit körperlichen Schmerzen unsere Fehler aus.

Jedenfalls entschloss ich mich nun spontan und tief enttäuscht sofort, also praktisch mehr oder weniger an dem Tag, an dem ich ankam, mich wieder ins nächste Flugzeug zu setzen und zurück nach Österreich zu fliegen. Bereit zum Aufbruch stand ich vor dem Ausgang, der Meister verließ gerade seinen Platz. Sri Chinmoys Weg führte nahe bei mir vorbei und ich empfand ein großes Maß an innerer Erregung und Verzweiflung: Waren all meine Erfahrungen Halluzinationen gewesen? Sri Chinmoy war gerade bei mir vorbeigegangen, die Augen hatte er fast geschlossen und er schien keinen der am Wegrand wartenden Schüler zu registrieren, sein Geist schien überhaupt nicht in dieser Welt zu sein. Mein Blick war auf den Meister gerichtet als ich innerlich mit größter Eindringlichkeit mein letztes Stoßgebet zum Himmel schickte: “Bitte, das ist die absolut letzte Chance, bitte, bitte gib mir ein Zeichen, nur ein kleines, kleines Zeichen, dass du ein echter Meister bist!” Kaum hatte ich die Worte zu Ende gedacht, blieb Sri Chinmoy stehen und drehte sich sehr langsam zu mir um. Die Zeit schien wie in Zeitlupe zu vergehen. Unsere Blicke trafen einander und sein Blick durchbohrte mich und schien alles, wirklich alles über mich zu wissen. Sri Chinmoys Gesicht blieb völlig unbeweglich, aber sein Blick sagte alles, was zu sagen war. Nie wieder werde ich diesen Blick vergessen – ich wäre damals am liebsten im Boden versunken! Obwohl kein einziges Wort fiel, war der Augenblick beredter als wenn tausend Worte gesprochen worden wären!

Ich verbrachte in der Folge noch zwei meiner glücklichsten Wochen in New York, Sri Chinmoy hatte in seinem Mitleid meinen dummen Zweifel durch Demut und Hingabe ersetzt. Heute würden sich meine Eltern wünschen, dass auch meine Geschwister meditierten, denn sie empfinden, wenn ich sie besuche, viel inneren Frieden und Freude. Es ist ihnen nicht entgangen, dass mein Leben weit einfacher, erfüllter und glücklicher abläuft, als jenes meiner Geschwister und vielleicht auch der Menschen, die sie kennen. - Dr. med. P. Arthada (Wien)

 

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